Kirche(n) neu gedacht – Bericht von der Manifesta 16 Ruhr
Noch bis zum 4. Oktober sind in Bochum, Duisburg, Essen und Gelsenkirchen 12 entwidmete Kirchen als Kunstorte zu erleben. In den 90er Jahren ist die Manifesta in Rotterdam gegründet worden, um zu zeigen, was Kunst zum Zusammenwachsen Europas beitragen kann. Seitdem gastiert die Ausstellung alle zwei Jahre in einer anderen europäischen Metropole, zuletzt 2024 in Barcelona.
Mit dem Ruhrgebiet hat sich erstmalig eine ganze Region um die Austragung beworben – folgerichtig ist die Dezentralität Thema der diesjährigen Biennale. In Überschriften gesprochen: „Das ist keine Kirche – 15 Wochen Kultur in eurer Nachbarschaft“. Die Evangelische Akademie Recklinghausen hatte nun zu zwei Tagesexkursionen eingeladen.
Erste Station: Christ König in Bochum, Baujahr 1932 und damit ein Ausreißer in der Reihe der säkularisierten Nachkriegskirchen. „Bespielt“ wurde der trutzige Bau u.a. von dem polnischen Künstler Miroslaw Balka, der eine Kohlenmadonna im Drahtkäfig vor dem Eingang platziert hat - als Erinnerung an die polnischen (Zwangs-)Arbeiter im Bergbau. Luc Tuymans aus Antwerpen interpretiert Leni Riefenstahls Film vom Reichsparteitag 1934 („Triumpf des Willens“) als Wandbanner, während die Tschechin Eva Kotátková überdimensionierte Stoffvögel auf dem Kirchenboden verteilt hat - Titel: „When animals fall from the sky“.
Die Gelsenkirchener St. Bonifatiuskirche wurde 1963 gebaut und 2014 außer Dienst gestellt. Hier erwartete die Teilnehmer*innen u.a. eine etwas andere Sichtweise auf Leonardo da Vincis „Abendmahl“, die die Unterschiede zwischen Arm und Reich, Macht und Ohnmacht hervorhebt. Größte Installation ist der Teegarten: Verschiebbare Pflanzkübel vor der Kirche mit Kräutern, denen die Gartenaktivistinnen Begzada Alatovic (Berlin) und Renate Janßen (Gelsenkirchen) originelle Namen gegeben und sie damit zu Akteuren erklärt haben. Die Besucher sind eingeladen, Kräuter nach Wahl abzuzupfen, in bereitliegende Teebeutel zu füllen, einen Wunsch dazu zu schreiben und auf einer Wäscheleine im Foyer der Kirche zum Trocknen aufzuhängen.
Letzte Station und jüngstes Mitglied im Kreis der entwidmeten Gotteshäuser war die Thomaskirche in Gelsenkirchen-Erle, die erst Ende Mai dieses Jahres ihren letzten Gottesdienst feierte. Der Bau aus lauter, spitzen Dreiecken wirkt auch noch 60 Jahre nach seiner Entstehung noch futuristisch und beherbergt zur Manifesta u.a. ein stilisiertes Minarett aus LKW-Plane und ein „System antifaschistischer Vogelkommunikation“ in den Bäumen vor der Kirche.
Dennis Siering hat zusammen mit Vogelkundlern, Audio-Designern und Künstlicher Intelligenz bekannte Protestlieder in synthetischen Vogelgesang übersetzen lassen. Mit Hilfe solarbetriebener Soundinstallationen werden diese Töne zu jeder halben Stunde draußen ausgestrahlt. Wenn alles läuft wie geplant, nehmen die realen Vögel in der Umgebung die Melodien in ihr Repertoire auf, so dass Mensch und Tier einen gemeinsamen Protestgesang anstimmen könn(t)en.
Dieses und noch viel mehr lässt sich bis zum 4. Oktober in den teilnehmenden Kirchen der Manifesta 16 Ruhr entdecken – auch ohne Führung. Der Eintritt ist frei, die Exponate sind zweisprachig erklärt, es gibt Info-Material und ein umfangreiches Rahmenprogramm.
Manifesta 16 Ruhr
Öffnungszeiten:
Di, Mi, Do und So 11-18 Uhr
Fr und Sa 11-19 Uhr
Informationen: www.manifesta16.org/de
Und wie geht es nach der Manifesta weiter? Die Kirche Christ König in Bochum bleibt das, was sie seit 2010 schon ist: eine Kunstkirche. Die Bonifatiuskirche (Gelsenkirchen) wird wieder zum Lager einer Bäckereikette, nachdem Sicherheitsbestimmungen die Einrichtung einer Backstube verhindert haben. Und in den kopfstehenden Kubus der Thomaskirche (ebenfallls GE) zieht ein Architekturbüro ein – das sich auf den Umbau entwidmeter Kirchen spezialisiert hat.