Diakonie-Logo auf Regenbogenflagge
Anschlag darf politisch nicht vereinnahmt werden

Dr. Kehlbreier: Mitgefühl und Mut gehören zusammen

27.07.2026

Diakonie-Geschäftsführer reagiert auf CSD-Anschlag

Hunderttausende feierten vorgestern zunächst friedlich und ausgelassen den Christopher Street Day (CSD) in Berlin. Dann ein Attentat auf das Fest. Ein Mensch stirbt, 29 werden teils schwer verletzt. Das Entsetzen ist groß und schwer in Worte zu fassen. „Aus einem Tag voller Vielfalt und Liebe wurde eine Nacht voller Entsetzen“, formuliert der Berliner evangelische Bischof Christian Stäblein.

Tatsächlich: Aus einem Symbol für Selbstbestimmung, der Vielfalt von Lebenswegen und Toleranz ist in wenigen Augenblicke das Symbol der Trauer und Verletzlichkeit geworden. Angegriffen wurden zum einen – wieder einmal – die Werte und die Tradition eines CSD, der als Protestbewegung gegen Polizeigewalt gegenüber queeren Menschen 1969 entstand und in Berlin in diesem Jahr das Motto „Haltung ist hot“ hatte. In den letzten Jahren wurden CSD bundesweit häufig durch homophobe oder rechtsextreme Gruppen gestört.

Zum anderen dürfte der islamistische Terrorakt von Berlin darauf gezielt haben, an einem Grundkonsens unserer freiheitlichen Gesellschaft zu rütteln: Jede/r ist frei, zu leben (und zu lieben), wie er/sie möchte. Vielfalt ist Ausdruck einer freiheitlichen Gesellschaft. Kein Mensch hat das Recht, Menschen aufgrund ihrer Gruppenzugehörigkeit, ihrer sexuellen Orientierung oder ihrer Religion zu diskriminieren oder zu hassen.

Das zielt ins Zentrum unseres diakonischen Auftrags und des christlichen Menschenbildes: Diakonie, so drückt es die Präambel unserer Satzung aus, richtet sich gleich an jede und jeden, an „Einzelne und Gruppen, an Nahe und Ferne, an Christinnen und Christen sowie Nichtchristinnen und Nichtchristen“. So bunt und verschieden die Menschen sind – und dafür steht der CSD mit der bekannten Wucht an Lebensfreude -, so gleichrangig und gleichberechtigt sind sie. Bei unserem diakonischen Handeln zählt nicht, wer – nicht mal: wie – jemand ist, sondern allein dass er /sie diakonische Unterstützung benötigt.

Morde des NSU, Anschläge auf Weihnachtsmärkte am Berliner Breitscheidtplatz und in Magdeburg und islamitische Anschläge in Solingen und Mannheim greifen diese Gleichheit und Freiheit jeder/s Einzelnen an. Dagegen helfen nur der Rechtsstaat und die freiheitliche Gesellschaft selbst: Wir leben entweder mit dieser Verletzbarkeit bzw. ehren uns mit allen demokratischen und rechtstaatlichen Mitteln, oder wir opfern diese Freiheit.

Wir sollten mutiger das Wort erheben, dass das Attentat - wie gestern schon passiert - nicht politisch vereinnahmt wird und klar und immer neu gebetsmühlenartig unterscheiden: zwischen (islamischer) Religion und (islamistischem) Terror, unserem Freiheitsbedürfnis und unserem Sicherheitsgefühl, zwischen Strafvollzug und Resozialisierung, (berechtigter) Kritik an Justiz/Behörden und den Grundsätzen des Rechtsstaats und der Gewaltenteilung.

"Liebe braucht den Schutz der Gemeinschaft, queer leben und lieben braucht und bekommt den Schutz der Gemeinschaft“, hieß es im CSD-Gottesdienst am Freitag in Berlin. Das gilt jetzt erst recht. Insofern sind meine Gedanken bei der Frau, die ums Leben kam, und ihren Angehörigen. Ich hoffe, dass die Verletzten genesen. Ich bete aber auch dafür, dass eine solche scheußliche und böse Tat nicht (noch weiter) das Klima aufheizt einen tieferen Keil in unser Miteinander treibt.

Dr. Dietmar Kehlbreier, Geschäftsführer der Diakonie im Kirchenkreis Recklinghausen

 

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