ein älterer Herr im karierten Hemd an einem Tisch voller Reiseunterlagen

Mit 98 Jahren zum Nordkap

30.07.2026

Älterer Herr im karierten Hemd, im Rollstuhl sitzend, vor sich ausgebreitet die Reiseunterlagen

Gleich hinter dem Eingang vom Theodor-Fliedner-Haus befindet sich rechts das schwarze Brett, oder besser besagt: Eine Säule, an der Wissenswertes angepinnt ist. Darunter: Zwei Postkarten aus Norwegen, eine vom Nordkap. Geschrieben hat sie ein Bewohner, der jetzt von seiner zweiwöchigen Reise zurückgekehrt ist: Wilhelm Schulte hat sich einen Traum erfüllt.

„Ich wollte immer schon ans Nordkap, auch in jungen Jahren, aber irgendwie hat es sich nie ergeben. Und dann sah ich die Werbung für eine Schiffsreise in der Zeitung und habe die Gelegenheit ergriffen“. Zusammen mit einer Bekannten ist er per Bus nach Kiel gefahren, um dort einzuschiffen.

Schwer beeindruckt war er von seiner großen Kabine – „das war fast genauso wie mein Zimmer mit Bad hier im Haus“, staunt der 98jährige. Aber meistens war er mit seinem Rollstuhl draußen unterwegs, auf den vielen Decks, an der Reling. „Manchmal waren wir bis 3 Uhr auf, wir hatten ja Mitternachtssonne. Und um 8 Uhr ging es dann weiter mit dem Programm.“ Schulte hat keinen Ausflug ausgelassen. Besonders hat er es genossen, im Bus immer hinter dem Fahrer zu sitzen und freien Blick zu haben, der nur noch von einer Seilbahnfahrt am Nordfjord getoppt wurde.

Der ehemalige Maschinenbauingenieur bedauert es, keine Fotos gemacht zu haben, „dazu fehlt mir einfach das Standvermögen“. Dafür hat er alle Flyer und Programme gesammelt, die er bekommen konnte, inklusiv Polarkeis-Überquerungs-Zertifikat - damit kann er die Reise jetzt immer wieder nacherleben. Auch das Unterhaltungsprogramm auf dem Schiff hat es ihm angetan – Musik, Tanz, gemeinsam Fußball-WM gucken. „Bis auf den Zauberer, dem habe ich kein Beifall gegeben – alles andere war wunderschön.“

Fast 4000 Passagiere fasste das Schiff  - für Wilhelm Schulte kein Problem. Nur einmal hat er die Anonymität bedauert. „Ich habe mich sehr nett mit einer Dame unterhalten. Leider habe ich sie nicht mehr wiedergetroffen.“ Und noch eine andere Begegnung bleibt ihm im Gedächnis. „Plötzlich klopfte mir beim Essen jemand auf die Schulter: Es war ein ehemaliger, holländischer Kollege von der CWH (Chemische Werke Hüls, heute Chemie Park, k.j.), der mich wiedererkannt hatte und auch auf dem Schiff war.“

Und was kommt jetzt? „Ich hätte wohl noch Lust auf weitere Reisen, auch mal in den Süden, aber alleine schaffe ich das nicht mehr. Dazu brauche ich eine Begleitung.“ Die Alpen würden ihn schon reizen. Als Leiharbeiter war er mal in der Nähe von Basel beschäftigt und hat die Schweiz erwandert. Ein anders Mal ist er mit dem Fahrrad von Hüls bis an den Bodensee gefahren. „Mich hat es immer in den Süden gezogen. Aber die Fahrt dahin ist so langweilig“, bedauert der gebürtige Oer-Erkenschwicker. Er blättert durch seine Reise-Notizen, die er in einem Taschenkalender festgehalten hat, und ihm kommt eine Idee: „Ich war noch nie im Harz!“. Nordkap oder Brocken – Hauptsache schön.

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