Fachtag in Herten – Weibliche Genitalbeschneidung geht alle an
Natürlich könnten wir es uns bequem machen und sagen: Das ist nicht unser Problem, das betrifft nur wenige Frauen in zurückgebliebenen afrikanischen Dörfern. Aber so ist es nicht. Noch immer werden weltweit Frauen beschnitten, verletzt, gedemütigt, nicht nur in muslimisch oder von Stammesreligionen geprägten Regionen, sondern auch in christlichen Gegenden. Etwa 200 Millionen Frauen und Mädchen haben damit zu tun und darunter zu leiden.
Selbst in Europa wurde die Beschneidung im 19. Jahrhundert noch praktiziert – in „bester medizinischer Absicht“, wie man damals meinte. Erst durch die Kolonialisierung habe man davon Abstand genommen, um sich über die kolonialisierten Gesellschaften zu erheben, die die weibliche Genitalbeschneidung oder –verstümmelung aus kulturellen Gründen vornahmen. Sagte die Politikwissenschaftlerin Dr. Lea Kleinsorg am Dienstag im Bürgerhaus Herten-Süd. Sie appellierte an die Anwesenden, sich dem Thema behutsam und kultursensibel zu nähern. Die Diakonie im Kirchenkreis Recklinghausen mit den Hilfen für Frauen hatte zusammen mit der Stadt Herten zu einem Fachtag eingeladen. Viele Frauen und einige Männer hörten zu und diskutierten mit.
Die Veranstaltung begann mit der – schockierenden – Dokumentation „Grausames Ritual – beschnittene Mädchen suchen Hilfe in Deutschland“, die die Basisinformationen lieferte. Mädchen würden beschnitten, um verheiratet werden zu können, sonst würden sie in manchen Kulturen gesellschaftlich geächtet, ebenso die Männer, die ein nicht beschnittenes Mädchen zur Frau nehmen. Am Tag der Beschneidung, zu denen die Mütter ihre Töchter quasi zwängen, um ihnen das wirtschaftliche und soziale Überleben zu sichern, feierten die Familien und Dörfer oft große Feste, bei denen die Mädchen dann auch gleich an ihre Männer verkauft würden. Leider verhindere eine drohende Beschneidung nicht unbedingt die Abschiebung von jungen Frauen durch das Bundesamt für Migration und Flüchtlinge. So die Kurzfassung der Dokumentation.
Dem schloss sich der Vortrag der Politikwissenschaftlerin Dr. Lea Kleinsorg an, die für den Begriff „FGM/C“ plädierte, die englische Abkürzung für weibliche Genitalverstümmelung und Beschneidung, weil die deutschen Begriffe verletzend (Verstümmelung) oder verharmlosend (Beschneidung) wirken könnten.
Weitere Impulse des von Karin Hester moderierten Fachtages kamen von einer Betroffenen, deren Erfahrungen vorgetragen wurden, und Dr. Dan mon O’Dey, der ein operatives Verfahren zur Rekonstruktion nach einer Genitalbeschneidung entwickelt und damit Pionierarbeit geleistet hat. Sein Bericht ging unter die Haut.
Der intensive, wichtige, gut organisierte und bereichernde Fachtag schloss mit einer Diskussion im Plenum und Austausch an Stehtischen – musikalisch einfühlsam begleitet von der Sängerin Lilia Gurov aus dem Tagesaufenthalt der Wohnungslosenhilfe Datteln.